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DIE LINKE. im Bundestag

6 Der Ärztemangel in Deutschland

Mythen der Gesundheitspolitik (Teil 6): Der Ärztemangel in Deutschland

Jeder und jede hat schon die Erfahrung gemacht, in der Arztpraxis länger warten zu müssen, als einem lieb ist. Aus dieser Erfahrung nährt sich unser heutiger Mythos: In den Tageszeitungen kann man immer wieder die Klagen von verschiedenen Ärzteorganisationen lesen, wie der Bundesärztekammer oder dem Hartmannbund, in Deutschland herrsche ein Ärztemangel. Als Gründe dafür werden angeführt, dass der Beruf im Gegensatz zu anderen Akademikern schlecht bezahlt würde und die Arbeitsbedingungen unzumutbar seien. Gerne werden diese Zustände mit Szenarien wie überfüllten Wartezimmern oder hohen Wochenarbeitszeiten unterfüttert. Aufgrund des erheblichen Mangels an Ärzten werde sich die Situation noch weiter zuspitzen. Ein Effekt des Ganzen sei, dass immer mehr Ärzte in andere Länder abwandern. Die Diskussion über den Ärztemangel folgt dabei der Stoßrichtung, Sachverhalte falsch oder verkürzt darzustellen, wichtige Informationen unter den Tisch fallen zu lassen oder eine z.B. nach Region differenzierte Auseinandersetzung nicht zu ermöglichen.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Es gibt weltweit nur fünf andere Länder, die weniger Einwohner pro Arzt aufweisen als Deutschland. Im Jahr 2000 gab es 294.676 berufstätige Ärzte in Deutschland, d.h. auf einer Arzt kommen 279 Einwohner. 2007 waren es 314.912 berufstätige Ärzte, d.h. 261 Einwohner je Arzt. Wie in fast allen Vorjahren stieg die Anzahl der tätigen Ärzte 2008 auf 319.697. Dies waren 4.785 mehr als im Vorjahr, die Zuwachsrate liegt hier bei 1,5%. Bei einer ungefähr gleich groß gebliebenen Bevölkerung stieg die Anzahl der berufstätigen Ärzte seit 1991 um ca. 30%. Über die Notwendigkeit dieser Ärztedichte wird kaum debattiert. Die Zahlen über abwandernde Ärzte fällt mit folgenden Details auch in ein anderes Licht: Während im Jahr 2001 der Anteil der Mediziner, die ins Ausland gehen, bei 1.439 lag, waren es 2008 insgesamt 2.439. Ein Drittel davon waren ausländische Mediziner, die in ihre Heimatländer zurückkehrten. Darüber hinaus ließen sich im gleichen Zeitraum jährlich zwischen 1.302 und 1.971 Ärzte aus anderen Ländern in Deutschland nieder. 2008 war der Anteil an Medizinern, die nicht in Arztpraxen oder Kliniken arbeiten, mit 8,6% genauso hoch wie im Jahr 1994. Der Mangel an Ärzten in Deutschland lässt sich nicht belegen, im Gegenteil: Es handelt sich um einen weiteren Mythos in der Gesundheitspolitik.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Natürlich gibt es Gegenden, in denen es an Medizinern bestimmter Fachgruppen fehlt. Aber das ist angesichts der oben geschilderten Zahlen kein Problem von über das ganze Land fehlenden Ärzten, sondern in erster Linie ein Verteilungsproblem.

Der Grund warum dieser Mythos immer wieder von den Ärzteverbänden – wider besseres Wissen – hervorgekramt wird, ist durchsichtig: Je mehr öffentlich gejammert wird, desto höher fällt die nächste Honorarerhöhung aus.

Die Fraktion DIE LINKE zur Gesundheitspolitik LINK.